Volker Schöbitz

Bei dem folgenden Text handelt es sich um die Erläuterung zu dem Harfenstück "Legende" (oder "Die Legende vom Mann vom Hauslabjoch"), das ich Gerlinde Haid anläßlich der Feier ihres 60. Geburtstages gewidmet habe.

Erklärung zu „Legende“

Wie wir wissen, war Gerlinde an der Auffindung des Mannes vom Hauslabjoch, besser bekannt als „Ötzi“, beteiligt. Diese Gletschermumie war unter anderem mit einem Bogen ausgerüstet, der bei der eiligen Bergung abgebrochen wurde. Dieses scheinbare Unglück hat sich im Lichte späterer Forschungen als ausgesprochener Glücksfall erwiesen:
Man hat nämlich die Bruchstelle genauestens untersucht und dabei festgestellt, daß die Bruchlinie einer Schwachstelle im Holz folgt, die genau einer Chladnischen Klangfigur entspricht. Außerdem fand man bei der Ausrüstung des Mannes etliche „Ersatzbogensehnen“ unterschiedlicher Länge und Stärke, woraus sich geradezu zwangsläufig der Schluß aufdrängte, daß es sich bei dem scheinbaren Jagdbogen in Wirklichkeit um einen Klangbogen handelte. Auch hat man bei der Untersuchung der Fingerspitzen der Leiche ganz typische Schwielen feststellen können, während etliche seiner Tätowierungen eine auffallende Ähnlichkeit mit Notenlinien haben. Somit ist es ganz klar: Bei Ötzi handelte es sich um einen frühen Vertreter der auch heute noch bestens bekannten Tiroler Harfenisten!
Jetzt fragt man sich natürlich, was einen Harfenspieler in die doch eher ungemütliche Höhe von 3200 m treibt? Nun, wie man aus Sendungen wie „Klingendes Österreich“ weiß, spielen Volksmusikanten vorzugsweise entweder in der Nähe von Barockarchitektur oder an einsamen Orten wie abgelegenen Seeufern oder Bergspitzen. Da es nun vor etwa 5300 Jahren nach dem derzeitigen Stand der Forschung keine Barockarchitektur gab, blieb als Ort der Inspiration wohl nur der Berg.
Eine andere Möglichkeit ist, daß er ein ähnliches Schicksal erlitten hat, wie man es von Troubadix kennt: Daß nämlich das Publikum in der örtlichen „Hochschule der Volksmusik“ seiner Musik eher ablehnend gegenüber stand und Ötzi oder „Frozen Fritz“, wie er im angelsächsischen Raum genannt wird, versucht hat, den Unmutsäußerungen dieser „Ignoranten, Barbaren und Wüstlinge“ zu entkommen – allerdings offensichtlich vergeblich, denn unter seinem linken Schulterblatt steckt nach wie vor eine Pfeilspitze.
Man hat nun sowohl den Bogen als auch die Sehnen, oder besser, Saiten, genau unter die Lupe genommen und ist dabei auf kryokonservierte Phonophänomene gestoßen, die man nach vorsichtiger Rehydrierung und Retemperierung rekonstruieren konnte, und was dabei herausgekommen ist, klingt etwa so:

(Vortrag des Musikstückes)

Nun stellt sich die Frage: Wie war auf einem Klangbogen, der ja einen Tonumfang von höchstens einer Terz oder Quart hat, ein Musikstück von immerhin vier Oktaven Tonumfang zu spielen?
Nun, für einen geeichten Musikanten ist die Antwort ganz klar:
Der Mann muß unheimlich viel geübt haben!

 



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